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Interdisziplinäre Studie über Wirkung von Klimaanlagen in Bürogebäuden

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Befindensstörungen am Büroarbeitsplatz werden in viel stärkerem Maße als bislang angenommen von den Arbeitsanforderungen einerseits und dem Arbeitsklima sowie weiteren psychosozialen Faktoren andererseits verursacht. So konnte u. a. nachgewiesen werden, dass die Beschwerderate um so höher liegt, je geringer die Anforderungen an die geistigen Leistungen sind. Auch ergonomisch negativ bewertete Software an Computerarbeitsplätzen trägt zu einer Erhöhung des Risikos einer Befindensstörung bei. Gebäude- und Innenraumcharakteristika, wie z. B. Raumluftqualität und Raumklima oder das Vorhandensein einer Klimaanlage spielen im Vergleich dazu eine eher untergeordnete Rolle. Moderne, gut gewartete Klimaanlagen sind hinsichtlich ihres Einflusses auf die Befindlichkeit der Raumnutzer weit besser als ihr Ruf. Dies sind Ergebnisse der interdisziplinären Forschungsgruppe "ProKlimA" aus einer der weltweit umfangreichsten Untersuchungen zum Phänomen des "Sick Building Syndroms".

Erfurt, Februar 2002.

Geschlecht, Lebenssituation, Bildungsstand und typische Tätigkeitsmerkmale beeinflussen die Akzeptanz eines Arbeitsplatzes weit mehr als bislang angenommen. Die als Hauptverursacher des so genannten Sick Building Syndroms (SBS) vermuteten Klimaanlagen spielen dagegen eine geringere Rolle, müssen aber weiterhin in einem kausalen Zusammenhang zum SBS gesehen werden. Zu diesem Ergebnis kam ein interdisziplinäres Forschungsteam im Rahmen des so genannten ProKlimA-Projektes "Positive und negative Wirkungen raumlufttechnischer Anlagen auf Befindlichkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit". Ausgangspunkt der zwischen August 1994 und Januar 2000 durchgeführten Untersuchungen war die Vermutung, Befindensstörungen in Gebäuden, also Reizerscheinungen im Bereich von Auge, Haut, Nase, Mund und Hals sowie vegetative Beschwerden, wie Kopfweh und allgemeines Unwohlsein, seien in erster Linie auf Lüftungs- und Klimaanlagen zurückzuführen. Die aus sieben Forschungsdisziplinen bestehende Projektgruppe Klima und Arbeit (ProKlimA) hatte die Aufgabe, statistisch verwertbare Daten zum Sick Building Syndrome aus den Bereichen Arbeitswissenschaft, Bauphysik, Technik, Chemie, Biologie, Psychologie und Medizin zu ermitteln. In der ersten Projektphase wurden 14 Bürogebäude mit zusammen 4.592 Arbeitsplätzen bewertet. In einer zweiten Phase nahm das Forschungsteam 1.497 dieser Arbeitsplätze nochmals genauer unter die Lupe, von denen 859 Arbeitsplätze klimatisiert und 638 über Fenster belüftet waren. Insgesamt wurden im Rahmen des modular aufgebauten Forschungsdesigns rund 600 Parameter analysiert. Das Untersuchungsspektrum reichte von personenbezogenen, sensorischen Befindlichkeitsprofilen über psychologische und soziodemografische Fragestellungen bis hin zu objektiven und subjektiven Bewertungen der Gebäude, der raumlufttechnischen Anlagen und des Raumklimas am Arbeitsplatz. Besonderes Augenmerk wurde auf die Erfassung personenbezogener chemischer, physikalischer, mikrobiologischer, arbeitswissenschaftlicher und psychologischer Messgrößen sowie auf die Durchführung medizinischer Untersuchungen gelegt. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Vier-Ebenen-Modell erhöht Aussagekraft

Entscheidend für die statistisch abgesicherte Aussagekraft der teilweise sehr komplexen Zusammenhänge des Untersuchungsdesigns ist ein von den Projektbeteiligten entwickeltes innovatives Datenmodell, das weltweit erstmals in dieser Größenordnung eingesetzt wurde. Es beruht auf einer hierarchischen Zuordnung der Daten auf die vier Bezugsebenen Gebäude, Anlagen, Raum/Messpunkt und Person/Arbeitsplatz. Durch eine der untersuchten Person zugeordneten ID-Nummer ist es möglich, ein alle Einflüsse umfassendes Profil zu erstellen, um beispielsweise Merkmale der RLT-Anlagen, Tätigkeit der Person, CO2-Gehalt der Raumluft und Beleuchtungsstärke am Arbeitsplatz mit den Befindlichkeitsaussagen der jeweiligen Person zu korrelieren. Damit lassen sich nicht nur die unmittelbaren Einflussfaktoren auf die Befindlichkeit am Arbeitsplatz ermitteln, sondern auch Wechselbeziehungen zwischen Klimaanlage, Raumluft und Effekte auf den Menschen aufdecken. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind ein wichtiger Beitrag zur Schaffung verbesserter Planungsgrundsätze zum Bau von gesunden Gebäuden bzw. zur Beurteilung des physischen und psychischen Wohlbefindens am Arbeitsplatz.

Beschwerden auch bei Fensterlüftung

Geht man zunächst von einer Einzelgewichtung aller erhobenen Parameter aus, ergibt sich für Befindensstörungen in den untersuchten Bürogebäuden folgendes Bild:

    * Die Bandbreite der in ihrer Befindlichkeit beeinträchtigten Personen in den 14 Gebäuden liegt zwischen 21 und 55 Prozent
    * Die Beschwerderate in den weit gehend noch konventionell klimatisierten Gebäuden ist im Mittel um ca. 15 % höher als in Fenster-belüfteten Gebäuden
    * klimatisierte Arbeitsplätze sind in der Regel geringer mit Schadstoffen belastet, als solche, die individuell über Fenster belüftet werden
    * In klimatisierten Gebäuden ist die Luftwechselrate deutlich höher als in Fenster-belüfteten Gebäuden. Luftschadstoffe werden dadurch kontinuierlich verdünnt bzw. durch die RLT-Anlage abgeführt. Die Luftqualität ist objektiv besser
    * Allgemein wurde die Luftqualität in klimatisierten Büros auch subjektiv - durch ein externes Riechteam - besser bewertet als in Fenster-belüfteten Gebäuden
    * Durch eine konsequente Ausrichtung von RLT-Anlagen an der VDI 6022 (Hygienerichtlinie) kann die Exposition durch Luftschadstoffe gesenkt werden.


Psychosoziale Faktoren überlagern Stellenwert des Raumklimas

Werden in der übergreifenden Auswertung alle Einflussgrößen gleichzeitig in ihrer Wirkung auf die Befindlichkeit beurteilt, so zeigt sich ein stärkeres Gewicht der psychosozialen Daten im Vergleich zu den Gebäude- und Innenraumcharakteristika. Daraus folgt, dass der Einfluss von Geschlecht, Arbeitszufriedenheit und Tätigkeitscharakteristika ungleich höher zu bewerten ist als das Raumklima. Durch diese Betrachtungsweise verändern sich die Aussageschwerpunkte zu Gunsten der klimatisierten Büros, d. h. die adjustierte Auswertung lässt kein signifikantes Risiko für Befindlichkeitsstörungen durch Klimaanlagen mehr erkennen. Folgende Schlussfolgerungen lassen sich daraus ableiten:

    * Personen mit einem hohen Maß an Verantwortung äußern signifikant weniger Beschwerden als Personen ohne eigenen Verantwortungsbereich
    * Bei fehlender Selbstständigkeit bei der Tätigkeit und minimaler Anforderung an geistige Leistung steigen die Beschwerden über Befindlichkeitsstörungen
    * Akute Erkrankungen verstärken das Risiko einer Befindensstörung am Büroarbeitsplatz
    * An Computerarbeitsplätzen mit ergonomisch negativ bewerteter Software steigt das Risiko einer Befindlichkeitsstörung.

Bei Gegenüberstellung der gewichteten Ergebnisse kommt man zu dem Schluss, dass psychosoziale und arbeitsbedingte Faktoren besonders dann auffällig werden, wenn die raumklimatischen Belastungen gering sind. In der vorliegenden Untersuchung war dies in der Mehrzahl der Gebäude der Fall. Veraltete und schlecht gewartete Anlagen wiesen allerdings eine höhere Rate an Befindlichkeitsstörungen auf.

Nutzer möchte Raumklima selbst bestimmen

Neben Hinweisen zur Gestaltung von Arbeitsplätzen gibt die Studie auch zahlreiche Anregungen zur Verbesserung der Akzeptanz von Klimaanlagen. So äußerten 85 Prozent der ca. 4.600 befragten Personen den Wunsch nach direktem Einfluss auf das Raumklima, also einer Einzelraumregelung. Die Untersuchung zeigte auch, dass die konsequente Einhaltung hygienischer Standards, wie sie beispielsweise in der VDI-Richtlinie 6022 "Hygienebewusste Planung, Ausführung, Betrieb und Instandhaltung" festgeschrieben sind, die Akzeptanz des Nutzers positiv beeinflusst. Der ProKlimA-Forschungsbericht "Positive und negative Auswirkungen raumlufttechnischer Anlagen auf Befindlichkeit, Leistungsfähigkeit und Gesundheit" ist in Form einer Monografie im IV. Quartal 2003 im Fraunhofer IRB-Verlag, Stuttgart erschienen.

Quelle: Projekt Menü-ProKlimA, Universität Jena

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Gesundheit und Umwelthygiene
Krank in einem „kranken“ Gebäude – das Sick-Building-Syndrom

Letzte Änderung: 20.03.2007


Seit Jahren beobachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besonders bei Menschen, die in Büroräumen arbeiten, dass diese sich nach längerem Aufenthalt am Arbeitplatz und abends beim Verlassen des Büros krank fühlen. Die Beschwerden verschwinden wieder, wenn sich die Betroffenen anderswo aufhalten.
Gereizte Schleimhäute oder juckende Haut

Die Betroffenen leiden unter zumeist unspezifischen Beschwerden, also Beschwerden, die nicht unmittelbar einer Krankheit zugeordnet werden können, wie tränende Augen, gereizte Schleimhäute oder juckende Haut. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten, ob bei diesen Personen die Schadstoffkonzentration am Arbeitplatz erhöht war. In der Regel konnten sie keinen Zusammenhang zwischen dem Ausgesetztsein (der Exposition) gegenüber Schadstoffen und den Beschwerden finden.

Angelehnt an den angelsächsischen Sprachgebrauch haben Fachleute für diese unspezifischen Beschwerden beim Aufenthalt in Gebäuden den Begriff „Sick-Building-Syndrom“ (SBS) geprägt. Sich krank fühlen in einem „krankmachenden“ Gebäude wäre wohl die im Deutschen zutreffende Bezeichnung. „Krankmachend“ steht in Anführungszeichen, da beim SBS nicht ganz klar ist, ob Gebäudeeinflüsse zu den Befindlichkeitsstörungen führen und falls ja, welche. Das Sick-Building-Syndrom wird daher auch von der Building Related Illness (BRI) unterschieden. Bei der BRI lassen sich zum Beispiel durch Messungen nachweisen, dass tatsächlich negative Gebäudeeinflüsse vorliegen. SBS und BRI sind heute ein nicht zu unterschätzendes Problem der Innenraumhygiene.
Die ProKlimA-Studie

Um das Auftreten des SBS und die Gründe dafür zu untersuchen, haben  Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler national wie international umfangreiche Studien durchgeführt. In Deutschland wohl am bekanntesten ist die ProKlimA-Studie: Die Universität Jena untersuchte zusammen mit Forschungspartnern von 1994 bis 2000 rund 5.000 in Büros Beschäftigte. Mit Fragebögen, umfangreichen Messungen an den Arbeitsplätzen und klinischen Daten ermittelten die Fachleute die Häufigkeit und die Ursachen der gesundheitlichen Beschwerden. Die Ergebnisse sind in einem umfangreichen Bericht veröffentlicht. Büros mit raumlufttechnischen Anlagen (Klimaanlagen) waren nicht stärker mit Schadstoffen belastet als solche ohne, oft waren sie sogar weniger belastet. Dennoch wurden die meisten SBS-Beschwerden aus Räumen mit Klimaanlagen geäußert; die Gründe sind nicht genau bekannt. Zum Teil spielte hier sicher auch das Unbehagen einzelner gegenüber „Klimanlagen“ und das Bevorzugen der „klassischen“ Fensterlüftung eine Rolle. Die Belastung der Innenraumluft mit Schadstoffen, zum Beispiel flüchtigen und schwerflüchtigen organischen Verbindungen (VOC und SVOC), der Befall mit Mikroorganismen und andere Faktoren waren insgesamt sehr unterschiedlich und spielten nur in Einzelfällen eine Rolle für die Beschwerden.

Die Studien haben gezeigt, dass persönliche Faktoren und Empfindungen der Betroffenen, ihre Tätigkeit und die Benutzerfreundlichkeit ihres Arbeitsplatzes oft entscheidender waren für das Auftreten des Sick-Building-Syndroms als die Einflüsse des Bürogebäudes. Dennoch bleiben auch weiterhin viele Fragen offen, so dass sich die Innenraumwissenschaft und die Arbeitsplatzpsychologie dieses Themas auch weiterhin annehmen werden.

Quelle: Umweltbundesamt Dessau-Roßlau